10 Dinge, die man aufgibt, wenn man Arzt wird…

In der Casualty in Durban

Inspiriert von der Webseite „Faculty of medicine“ habe ich 10 Punkte zusammengestellt, auf die man nicht all zu viel Wert legen sollte, wenn man Arzt* wird. Einige davon sind schon Klischee, andere überraschen vielleicht doch:

    1. Reichtum

      Es gibt sicherlich reiche Ärzte. Aber das sind Ausnahmen. Auf jeden Fall hier in Deutschland. Wenn jemand als Arzt reich wird, dann hat das meistens mit noch anderen Fähigkeiten, viel Glück oder einem weiteren Studium (BWL) zu tun. Wer vor hat, durch ehrliche Arbeit reich zu werden, sollte auf jeden Fall nicht (nur) Medizin studieren.

    2. Der Wunsch, die Welt zu verändern

      Sicherlich kann man als Arzt dolle Dinge machen und im kleinen vielleicht auch so etwas wie Wunder vollbringen, aber die Probleme in der Welt, die durch Armut, Krieg, Gier, Umweltzerstörung und Missbrauch verursacht werden, sind mit medizinischen Methoden nicht aus der Welt zu schaffen. Man kann eventuell die Folgen für einzelne abmildern, aber um echte Veränderungen im System herbeizuführen, ist man als Arzt einfach zu unbedeutend.

    3. Freie Wochenenden

      Ich bin jetzt seit 15 Jahren fertig approbierter Arzt. Seit 15 Jahren kann ich kein Wochenende planen, ohne vorher auf den Dienstplan zu schauen. Das gilt auch und zuvorderst für Feiertage und selbst für den eigenen Geburtstag. Es ist nicht so, dass man am Anfang einer Karriere durch ein dunkles Tal voller Nacht- und Wochenenddienste muss aber immer das Licht am Ende des Tunnels leuchtet, dass ab Erreichen einer bestimmten Position alles besser wird. Ich bin jetzt Oberarzt. Ich könnte jetzt noch Chefarzt werden, weitere Aufstiegsmöglichkeiten sieht das System Krankenhaus nicht vor. Selbst und gerade als Chef ist man nicht davon befreit, auch an den Wochenenden und Feiertagen erreichbar zu sein. Es ist vollkommen normal, auch am Geburtstag der eigenen Kinder nicht teilnehmen zu können.

    4. Schlaf

      Klischee aber wahr: Im Dienst zu sein, bedeutet, jede Sekunde erreichbar zu sein. Auch um 3:00 Uhr morgens. Und man wird geweckt. Immer. Als Assistenzarzt, als Oberarzt, als Chefarzt. Letzte Nacht 2 mal: um 1:08 Uhr und um 2:40 Uhr. Und wenn man nicht geweckt wird, dann wacht man auf und überlegt, was man vergessen haben könnte oder wie man wieder einschlafen kann.

    5. Sich nicht wie ein Vollidiot zu fühlen

      Als Arzt macht man Fehler. Nicht nur in der Ausbildung, auch im weiteren Berufsleben. Manche Fehler gefährden Menschen, manche Fehler sind einfach nur dämlich, bleiben aber ohne ernste Folgen. Und es ist Teil der (modernen) Fehlerkultur, dass alles auf den Tisch kommt. Alles wird kommentiert und diskutiert. Man muss sich vor anderen fragen lassen, was man sich eigentlich dabei gedacht hat, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen. Und wenn man nach einer rektalen Untersuchung einer Patientin erklärt, man habe „im Popo“ auch nichts krankhaftes feststellen können und sie antwortet: „Das war aber nicht der Popo…„, dann muss man auch damit klar kommen. Wem das Angst macht, der sollte sich nach einem anderen Job umsehen.

    6. Familie und Freunde immer allem voran zu stellen

      Es gibt immer wieder Situationen, in denen man nicht vor die Wahl gestellt wird, ob die Familie oder die Freunde vorgehen oder ob der Job an erster Stelle steht. Man hat diese Wahl nicht. Elternabende finden regelmäßig ohne einen statt. Am Geburtstag des eigenen Kindes morgens zur Visite fahren zu müssen oder eine Einladung zur Hochzeit abzulehnen, weil sich ein Dienst nicht weg tauschen lässt, ist Routine.

    7. Jedem und jeder gefallen zu wollen

      Ob man zu Hause um mitzuteilen, dass der gemeinsame Abend verschoben werden muss, weil man noch bis auf Weiteres im OP stehen wird, oder ob man einem Patienten erklären muss, dass man ihn nicht operieren wird, weil er sowieso nur noch drei Monate zu leben hat: Beide Situation führen dazu, dass jemand verärgert reagieren wird. In beiden Fällen bedarf es besondere kommunikativer Fähigkeiten, am Ende kann es dennoch sein, dass jemand wütend wird oder vor Verzweiflung weint.

    8. Kreativität

      Ich kenne viele Mediziner, die neben ihrem Job auch eine ausgeprägte kreative Ader haben. Leider lässt sich dieses in der modernen Medizin nicht ausleben. Medizin ist durch und durch reguliert. Insbesondere in den ersten Jahren als Arzt ist Kreativität am aller wenigsten angemessen. Man folgt Algorithmen und Anweisungen und vermeidet schon aus Gründen der juristischen Absicherung jeden Ansatz von Kreativität. Die wenigsten haben nach Feierabend noch die Energie, ihren kreativen Interessen zu folgen. Und so wird man nach und nach zum Fachidioten, der sich auf Parties nur noch mit Hilfe von Anekdoten aus dem Leben eines Arztes über Wasser hält.

    9. Da zu leben, wo man es sich immer gewünscht hat

      Der Zwang, für eine gute Stelle auch mal weiter zu fahren oder gar den Wohnort zu wechseln hat sich in den letzten Jahren zum Glück abgeschwächt. Die Stellensituation in der Medizin, insbesondere in den Krankenhäusern hat sich so verändert, dass man als Bewerber inzwischen ruhig auch mal Forderungen an den Arbeitgeber stellen kann. Sei es die Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit auf 80 % oder eine Monatskarte. Wenn es dann aber um eine Anstellung als Oberarzt, Chefarzt oder um eine Niederlassung geht, dann kann es passieren, dass man seine Koffer packen und einen Nachsendeantrag stellen muss.

    10. Die eigene Gesundheit

      Es erscheint widersinnig aber: Als Arzt geht man selten zum Arzt. Das hat viele Gründe. Vieles glaubt man selber einschätzen und behandeln zu können (ein Grund, warum privaten Krankenversicherungen für Ärzte ursprünglich mal preiswerter angeboten wurden). Ob das dann auch klappt ist nicht immer sicher. Zum Anderen führen oben angegebene Punkte gerne mal dazu, dass man der eigenen Gesundheit einfach nicht die nötige Priorität gibt. Auch ist es erwiesen, dass Nacht- und Schichtarbeit zu einem deutliche erhöhtem Risiko für viele Erkrankungen führt. Angeblich ist die Rate der Alkohol-, Drogen und medikamentenabhängigen Mediziner überdurchschnittlich hoch.

* Im gesamten Text habe ich aus Gründen der Lesbarkeit das Maskulinum gewählt. Ich schreibe aus meiner Perspektive gehe aber davon aus, dass das o. g. auch für Ärztinnen gilt.

Ein Kommentar

  1. […] ich unter der Überschrift 10 Dinge, die man aufgibt, wenn man Arzt wird darüber lamentiert habe, was es für Nachteile haben kann, wenn man sich für den Arztberuf […]

    4. November 2016
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