PJ in Südafrika – Unterwegs mit den „Flying Doctors“

The Red Cross Flying Doctor service
The Red Cross Flying Doctor service

Das „South African Red Cross“ unterhält in verschiedenen Provinzen Südafrikas einen „Flying Doctor Service„, bei dem freiwillige Fachärzte verschiedener Fachrichtungen mit einem Flugzeug in die ländlichen Gegenden der jeweiligen Provinz geflogen werden um dort den jeweils tätigen Ärzten einen Tag lang unter die Arme zu greifen. Junge Mediziner, die den Wunsch haben sich in einer Privatpraxis nieder zu lassen, werden nach ihrem Studium verpflichtet ein Jahr lang sog. „Community Service“ zu leisten. Das bedeutet, dass sie für ein Jahr in einem Provinzkrankenhaus irgendwo im Lande arbeiten müssen. Das ganze vor Ort zum Teil ohne jede Betreuung. So sind die Ärzte des Roten Kreuzes, die jedes der angeflogenen Krankenhäuser einmal im Monat besuchen, eine willkommene Hilfe bei der Bewältigung der Arbeit.

The Flying Doctor Service
The Flying Doctor Service

Durch Zufall habe ich von dieser Einrichtung erfahren und dass das Flugzeug auf dem Flughafen von Durban, nicht weit vom Wentworth Krankenhaus entfernt, startet. Eigentlich wollte ich nur mal vorsichtig anfragen, ob es generell möglich sei, da mal mit zu fliegen. Die Gegenfrage war, ob es mir am nächsten Tag passen würde.

Abflug ist um 7:00. Das bedeutet, dass man sich bis 6:45 am Flugplatz eingefunden haben muss und somit verdammt früh aufsteht.

Die Maschine, eine Pilatus 12, in der Schweiz hergestellt ist ein einmotoriges Propellerflugzeug mit 8+2 Plätzen. Sie hat eine Reichweite von 2500 km, eine Reiseflughöhe von 30.000 Fuß und eine Reisegeschwindigkeit von max. 290 Knoten über Grund (knapp 600 km/h). Im Notfall können einige Sitze ausgebaut und eine Trage eingebaut werden. Auch gibt es die Möglichkeit einen Brutkasten zu installieren.

Kokstad
Kokstad

Das Einsatzgebiet dieser Maschine ist die Provinz KwaZulu-Natal, die sich von der Moçambiquanischen Grenze im Norden bis nach Port Edward im Süden und von der Küste bis nach Lesotho erstreckt.

In der Kinderabteilung
In der Kinderabteilung

Unser erstes Einsatzgebiet liegt in Dundee. Der Flugplatz, bzw. das Flugfeld, liegt ca. 20 Autominuten vom Krankenhaus entfernt. Später geht es noch über Land ca. eine Stunde mit dem Wagen nach Nqutu (Ausgesprochen: „N-*Zungenschnalz*-utu“). Dundee und Nqutu liegen in einem Gebiet, dass erst vor Kurzem zum Notstandsgebiet erklärt worden ist: Die Cholera ist ausgebrochen!

Polydaktylie - hier beim Edwards-Syndrom
Polydaktylie – hier beim Edwards-Syndrom

Cholera, Tuberkulose und AIDS sind dann auch die Haupterkrankungen, mit denen wir auf dieser und auf den noch folgenden Reisen zu tun haben sollen. Am ersten Tag folge ich einer Kinderärztin, die sich ca. 20 Patienten anschaut und die Therapie mit den Community Doctors (s.o.) bespricht. Wir sehen Neugeborene mit dem „Prune Belly Syndrome“ und Zeichen der Immunschwäche. Kinder, die ca. 5 Jahre zu spät in orthopädische Behandlung gebracht werden oder die unter der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten haben und jetzt, mit 3 Jahren, immer noch nicht laufen können. In den meisten Fällen wird die Therapie geringfügig variiert oder die Einschätzung der jungen Ärzte, dass eine weitere Behandlung nicht mehr von Nutzen sein wird, bestätigt. Hin und wieder sind die Fliegenden Ärzte aber auch diejenigen, die die Diagnose erst stellen. So wie bei dem kleinen Mädchen mit dem seltenen Edwards-Syndrom.

Das kleine Mädchen wurde einfach beim Pförtner abgegeben
Das kleine Mädchen wurde einfach beim Pförtner abgegeben

Im Krankenhaus von Kokstadt im Süden der Provinz KwaZulu-Natal, wird uns ein kleines Mädchen gezeigt, das seit 3 Wochen in dem Krankenhaus lebt und vollkommen gesund ist. Die neunjährige hat sich im ca 800 km entfernten Johannesburg an die Straße gestellt, um zum Supermarkt mitgenommen zu werden. Ein Fahrer hat sie eingeladen und ist mit ihr bis nach Kokstadt gefahren, wo er sie vor dem Krankenhaus abgesetzt hat. Die Polizei versucht bisher vergeblich die Eltern ausfindig zu machen, das Kind spricht eine Sprache, die sonst keiner versteht und lebt so in der Krankenstation.

Ein junger Doktor im zweiten Berufsjahr
Ein junger Doktor im zweiten Berufsjahr

Die Idee hinter dem Community Service ist, dass die Mediziner dem Staat einen Teil der Investitionen, die dieser mit dem Studium geleistet hat, wieder zurück zahlen. Der Mangel an erfahrenen Ärzten, die freiwillig in die Ländlichen Gebiete gehen um da zu arbeiten führt oft dazu, dass die Community Doctors keinerlei Betreuung haben. Es ist keine Seltenheit, dass eine Notoperation mit aufgeschlagenem Lehrbuch oder mit dem Telefonhörer am Ohr durchgeführt werden muss.

Das Team der Flying Doctors
Das Team der Flying Doctors

Wir könnten noch viele Geschichten erzählen, die einem immer wieder das gleiche klar machen: Südafrika ist ein Land, in dem es eine derartige Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen gebildet und ungebildet, zwischen Moderne und Steinzeit gibt, wie ich sie im 21. Jahrhundert nicht für möglich gehalten hätte. Das Rote Kreuz hier in Südafrika, was man auch immer für einen Eindruck von der Selbstlosigkeit des DRK in Deutschland haben mag, leistet mit seinem Flying Doctor Service einen enormen Beitrag zur Überbrückung dieser Kluften. Und das mit einem zum Teil sehr großen persönlichen Engagement der freiwilligen Mitarbeiter und der Ärzte.

Es gibt ein Handbuch für die Arbeit in Südafrikanischen „Rural Hospitals“:
Hlabisa Hospital Handbook
Editor: Gerry Davis
ISBN: 0-620-25692-3
(Erschienen im März 2001)

[Originalbeitrag vom 20. Februar 2001]

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