Nightwatch

Nachtwache in der Rechtsmedizin
Nachtwache in der Rechtsmedizin

Der Film „Nightwatch“ kam in seiner dänischen Originalversion 1994 in die Kinos. Drei Jahre, nachdem ich als Nachtwächter in der Hamburger Rechtsmedizin gearbeitet hatte. Drei Jahre, nachdem ich nachts um 1:00 von „der Klingel“ geweckt wurde.

Vor dem "Katastrophenraum", 1991
Vor dem „Katastrophenraum“, 1991

Noch bevor ich anfing Medizin zu studieren, jobbte ich in der Rechtsmedizin als Nachtwache. Ich hörte, dass man da gutes Geld verdienen kann und dabei wenig arbeiten muss. Und neugierig war ich auch. An meinem ersten Abend wurde ich eingewiesen. Mir wurden die Räume gezeigt und erklärt, was ich wann zu tun hatte („ab 3:00 Uhr die Leichen für die Sektionen am nächsten Tag raus holen und auf die Tische legen, damit sie morgens nicht mehr so kalt sind.“). Am Ende wurde ich auf die Klingel hingewiesen. Wenn unten im Leichensammelraum – dem „Katastrophenraum“ – jemand wieder aufwachen sollte, dann gibt es da eine Klingel, an der er ziehen kann. Das macht dann einen höllischen Krach. Ich muss dann runter gehen und nachsehen, was los ist. Aber keine Sorge, dass sei erst zwei mal vorgekommen.

Wie bitte? Zwei mal ist da unten im Keller mitten in der Nacht jemand aufgewacht und hat geklingelt? Zwischen all den Leichen? Wollen die mich verarschen?

Nachts wurden die Sektionen für den nächsten Tag vorbereitet
Nachts wurden die Sektionen für den nächsten Tag vorbereitet

So richtig habe ich dann auch nicht geschlafen. Aber irgendwie habe ich mich doch ein bisschen erschrocken, als nachts um 1:00 Uhr die Klingel losging. Schrill und laut! Einen Moment lang wich mir das Blut aus dem Kopf. Ich wusste nicht, wie ich das Ding wieder ausstellen sollte. Unten im Katastrophenraum lagen drei Leichen, die im Laufe des Abends reingekommen waren. Alle drei mit „sicheren Todeszeichen“, also in einem Zustand, in dem es nur im Rahmen eines Zombiefilms wahrscheinlich war, dass sie aufstanden und an der Klingel zogen. Ich hatte absichtlich alle Lichter im Keller angelassen, so dass ich oben die Tür zum Keller öffnen konnte und alles gut einsehbar war. Nur die Tür zum Katastrophenraum war verschlossen. Ich ging runter und lauschte. Außer dem schrillen Klingeln von oben war nichts zu hören. Ich öffnete die Tür und fand alles so, wie ich es verlassen hatte. Auch die Klingelschnur wackelte nicht. Also ging ich wieder hoch und rief den diensthabenden Arzt an. Der fragte nur „Welche Klingel klingelt denn?“. Ich: „Na, die über der Tür!“, „Welche Klingel – da sind zwei!?“. Ich schaute zur Tür und da waren tatsächlich zwei Klingeln direkt neben einander. Die rechte klingelte. „Das ist die Klingel für die Druckluft. Einfach den Quittungsknopf an der Tür drücken und morgen den Technikern bescheid sagen. Die sollen die Druckluftanlage überprüfen.“

Ich habe dann noch vor dem Ende der Probezeit gekündigt.

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